Laborwerte  oft verfälscht durch frei verkäufliche Medikamente

Max Richter ist verunsichert: Sein PSA-Wert (prostataspezifische Antigen, wichtig für Untersuchung auf Prostata-Krebs) schwankte bei den letzten Untersuchungen des Blutserums stark. Dann fragte ihn sein Arzt, ob er Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen würde. Es stellte sich heraus, dass er vorsorglich einen Cranberry-Extrakt einnahm, der zu einer Verfälschung der Werte geführt hatte.

 

Die wenigsten Patienten, die einem Arzt gegenübersitzen, sprechen die Einnahme solcher Mittel von sich aus an, denn was frei verkäuflich ist, müsste doch harmlos sein. Ist es aber nicht, jedenfalls nicht immer. Ein Team von Forschern aus 18 europäischen Ländern – Deutschland war nicht vertreten – hat nun aus den Ergebnissen einer Studie mit 3600 Patienten Schlüsse gezogen und darauf hingewiesen, dass der verschwiegene Einnahme von frei verkäuflichen Arzneimitteln womöglich weitreichende Folgen hat. So können etwa die Ergebnisse von Labortests verfälscht werden.

 

Ginkgoextrakte für die Hirnfunktion, Mariendistel für die Leber, Knoblauch gegen Atherosklerose und hohe Blutfette, Kräuter für die Komplementärtherapie: Das sind nur einige Positionen auf der Liste rezeptfrei erhältlicher Präparate, Nahrungsergänzungsmittel und ihrer Indikationen. Sie ließe sich beträchtlich verlängern, wie schon ein flüchtiger Blick in die Apothekenregale zeigt.

 

  • Die Einnahme von zimthaltigen Präparaten zwölf Stunden vor der Blutentnahme kann den Blutzucker signifikant senken und die Insulinsensitivität erhöhen.
  • Pillen zur Gewichtsabnahme können Cayennepfeffer, Bitterorange und Amphetamine enthalten, die den Herzmuskel schädigen und über die Aktivierung des Sympathikus die Troponin- und CK-MB-Konzentrationen erhöhen.
  • Nahrungsergänzungsmittel auf der Basis von rotem Reis oder grünem Tee können zu abnormen Veränderungen der Leberenzyme führen.
  • Roter Reis kann über eine Hemmung der HMG-CoA-Reduktase den Cholesterinspiegel senken.
  • Großfrüchtige Moosbeeren, besser bekannt als Cranberries, können den PSA-Spiegel senken und in die Expression androgenresponsiver Gene eingreifen.
  • Zubereitungen auf Basis von Grapefruits und Clementinen interagieren mit einer Vielzahl von Arzneistoffen und verstärken oder vermindern je nachdem deren Wirkungen.

 

Laut Ergebnissen des Forscherteams um Ana-Maria Šimundić von der Abteilung für Labordiagnostik an der Heiliggeistklinik in Zagreb nehmen rund 68% der Patienten regelmäßig frei verkäufliche Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel ein. Vitamine, Mineralien, Cranberries, Acetylsalicylsäure und Omega-3-Fettsäuren sind die beliebtesten Substanzen.

 

„Die Patienten sind weder hinreichend informiert noch sind sie sich darüber bewusst, dass diese Mittel die Ergebnisse von Laboruntersuchungen beeinflussen können“, mahnen Šimundić und Kollegen. Schulung für Patienten und Personal tue not, um die Situation zu verbessern, präanalytische Fehler zu vermeiden und die Qualität in Labor und Versorgung allgemein zu verbessern.

 

Die Resultate dürften weitgehend auf Deutschland übertragbar sein. Laut Zahlen, die 2017 in der Pharmazeutischen Zeitung erschienen sind, haben hierzulande 75% der Frauen und 60% der Männer mindestens ein rezeptfreies Arzneimittel erworben, am häufigsten gegen Erkältung. 68% dieser Mittel sind synthetisch, 22% pflanzlich und 10% homöopathisch. Der Umsatz im sog. OTC-Markt hat im vergangenen Jahr 8,7 Milliarden Euro betragen.

 

Quelle: Springer Medizin